Was wir erleben

Wie es Tieren ergeht



Inhalt:

Findelkitz

Hühnerglück

300 Bullen, 300 Schicksale



Findelkitz

Findelkitz

Findelkitz

Am Sonntag war Annett mit bei der Wanderung "Mitgeschöpfe im Blick" und schon am Montag hat der Blick für Tiere sich ausgezahlt: Er fiel auf ein Rehkitz. Mitten auf dem Weg lag das kleine Geschöpf. Kein guter Platz für ein Kitz, viel zu unsicher. Was tun?

Annett hat büschelweise Gras gerupft und mit Grashandschuhen das Kitz zur Seite in den Schatten gelegt - ohne es zu berühren.

Die Stelle ist nicht weit von Annetts Haus, sodass sie regelmäßig schauen konnte, ob Mama kommt. Und siehe da: Sie kam, sie schnupperte, und sie nahm ihr Kind mit. Alles noch mal gut gegangen!





Hühnerglück

Bärbel, Elfriede, Hermine und Mimi

Tiwis Andreas und Michel haben vier Hühner zu sich geholt. Sie heißen Bärbel, Elfriede, Hermine und Mimi. Am 15. Juni 2018 sind sie eingezogen, und binnen kurzer Zeit haben sie sich bestens eingelebt. Aber der Reihe nach ...










So schön und stolz ist ein Huhn!

Mitgeschöpf Huhn

Von Hühnern ist meist in der Masse die Rede, und das in rein wirtschaftlichen Zusammenhängen: Besatzdichte (35 bzw. 39 Kilogramm pro Quadratmeter), Schlachtzahlen (in Deutschland 600 Millionen Masthühner 2017), geschredderte Küken (in Deutschland 45 Millionen 2017). Dabei ist jedes Huhn - genau wie wir - zuallererst ein Individuum. Und das kann man am besten erfahren, wenn man Hühner um sich hat. So hatten Andreas und Michel sich das überlegt.






Hühnerstall

Vorbereitungen

Hühner brauchen ein Gehege, in dem sie herumlaufen können, und einen Stall, der ihnen Schutz und Unterschlupf bietet. Kleine Ställe für wenige Tiere gibt es fertig als Bausatz zu kaufen, der nur noch zusammengebaut werden muss. Trotzdem ist noch einiges an Eigenleistung zu erbringen, so etwa das Abdichten gegen Feuchtigkeit, das Errichten eines Fundaments und das Absichern gegen Eindringlinge.






Hühner unterm Strauch

Das Gehege muss so sein, dass die Hühner all ihren natürlichen Bedürfnissen nachgehen können: dem Scharren und Picken, dem Sand- und Sonnenbaden, dem Laufen, Flattern und Verstecken. Andreas und Michel haben ein Stück vom Garten abgetrennt mit Wiese, Gestrüpp und Sträuchern. Der Netzzaun, den die beiden verwendet haben, dient tatsächlich nur der Abgrenzung. Das reicht, weil die Tiere nachts im Stall und dort sicher sind. Wer sein Gehege fuchs- und mardersicher einzäunen muss, braucht einen stabileren, höheren und tief in die Erde eingelassenen Zaun.





Einzug

Woher bekommt man überhaupt Hühner? Andreas und Michel haben ihre vier Lieben im Raiffeisenmarkt geholt, wo zweimal im Monat Hühner angeliefert werden. Diese stammen aus einer Geflügelzucht in NRW. Solche Zuchtbetriebe verkaufen Tiere in allen möglichen Lebensphasen zu unterschiedlichen Zwecken: als Legehennen, für die Endmast oder für die direkte Schlachtung. Im Gegensatz dazu haben Bärbel, Elfriede, Hermine und Mimi das große Los gezogen: Sie sollen nämlich keinem solcher Zwecke dienen, sondern einfach nur Huhn sein und das genießen. Und sie haben das Versprechen, dass sie niemals geschlachtet werden.


Hühner am Morgen

Hühneralltag

Bärbel, Elfriede, Hermine und Mimi machen alles zusammen. Morgens um halb sieben kommen sie aus ihrem Stall, und dann nehmen sie auch gleich ihr Frühstück ein. Dazu bekommen sie eine Körnermischung serviert. Nach dem Frühstück sehen sie, was es Neues gibt in ihrem Pferch, und vor allem, was an Leckereien aufzutreiben ist. Unermüdlich scharren, graben und picken sie, um Würmer, Schnecken, Insekten, Larven oder auch mal eine Himbeere zu erhaschen. Zwischendrin betreiben sie Körperpflege per Sandbad, und immer wieder erfrischen sie sich an der Wassertränke. Am späten Vomittag dann ziehen sie sich zurück in den Stall, um ihr tägliches Ei zu legen.


Der Nachmittag verläuft zunächst einmal ähnlich wie der Vormittag. Das allerdings ändert sich genau in der Minute, in der Andreas auf der Bildfläche erscheint. Dann gibt es kein Halten mehr: Die vier stehen am Tor, gackern lauthals und wollen auf die große Wiese gelassen werden. Das ist nämlich ihr Nachmittagsvergnügen. Auf der Wiese fegen sie von hier nach da (ganz schön bewegungsfreudig, diese Hühner!) und suchen auch im letzten Eckchen noch nach Leckerbissen. Dabei halten sie sich in der Regel nahe beieinander auf. Abends um zehn war der Tag dann lang genug, und die vier marschieren ganz von selbst in ihren Stall. Jetzt ist Nachtruhe angesagt. Es braucht nur noch ein Mensch vorbeizukommen und das Türchen zuzumachen. Am nächsten Morgen um halb sieben geht's wieder weiter.

Tipp

Der Verein Rettet das Huhn e. V. vermittelt Hennen, die in der Legeindustrie ausgedient haben. Sie werden so vor dem Schlachthaus bewahrt. Die meisten dieser Tiere sind sehr stark mitgenommen von der schlechten Haltung und müssen mit Fingerspitzengefühl und Sachkunde wieder aufgepäppelt werden. Das ist vielleicht nicht ganz das Richtige für den Einstieg ins Leben mit Huhn, aber gewiss eine lohnende Aufgabe für Menschen mit etwas Erfahrung. Es macht glücklich, so einem kleinen Geschöpf auf die Beine zu helfen.





300 Bullen, 300 Schicksale

Wir waren in einem Stall mit rund 300 so genannten Mastbullen. Wahrscheinlich war der Stall gar nicht mal einer der übelsten, denn immerhin hatte der Bauer selbst uns zur Besichtigung eingeladen. Trotzdem: Die Tiere dort haben wenig Gutes in ihrem Leben.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Lebenslauf der so genannten Mastbullen schnell erzählt: Sie werden als Kälbchen angeliefert und dann mit Kraftfutter auf 450 kg hochgefüttert. Mit diesem Gewicht haben sie ihre Schlachtreife erreicht und werden zum Metzger gebracht. Zehn Tiere jede Woche. Die Zeit zwischen Anlieferung und Abtransport verbringen die Tiere ausschließlich im Stall. Dort sind sie dicht gedrängt mit ihren Altersgenossen in Boxen gepfercht. Der Platz reicht zum Stehen oder Liegen, nicht jedoch zum Laufen. Auslauf gibt es nicht.

Auf die beengte Haltung angesprochen, nannte der Bauer drei Gründe. Erstens seien Bullen auf der Weide viel zu gefährlich. Zweitens sei diese bewegungsarme Haltung auch dem Metzger lieber. Denn Tiere, die sich frei bewegt hätten, seien widerspenstiger und schwerer zu handhaben beim Schlachten. Drittens wünsche der Verbraucher zartes Fleisch und keine zähen Muskelfasern zwischen den Zähnen.

Zum ersten Argument: Es ist durch die Praxis widerlegt. Denn es gibt ja durchaus Betriebe, die ihre Bullen auf der Weide halten. Es muss dazu genügend Weidefläche vorhanden sein, und der Mensch muss sich die Zeit nehmen, die Tiere an sich zu gewöhnen. Geht alles.

Die Argumente zwei und drei sind nicht von der Hand zu weisen; so werden Bullen von ihren Nutzern gesehen. Was das heißt, sollte man sich klar vor Augen führen: Das Leben dieser Tiere wird vom Endprodukt aus bestimmt, von der Qualität und dem Preis ihres Fleisches. Dass vor dem Endprodukt ein individuelles Leben steht, wird ignoriert. Den Tieren wird kein Selbstzweck zugestanden, sondern lediglich ein Nutzen. Hier ist bereits die Sprache verräterisch: Mastbullen - Bullen, die der Mast zu dienen haben; Milchkühe - Kühe, die dem Milchgeben zu dienen haben; Fleischrinder - Rinder, die der Fleischerzeugung zu dienen haben; Legehennen - Hennen, die dem Eierlegen zu dienen haben. Die Tiere werden auf die eine Funktion reduziert, die der Mensch für sich nutzen möchte.

Der Selbstzweck eines Lebewesens ist ein nicht zu unterschätzendes Kriterium. Denn an den Selbstzweck ist die Würde gebunden, und die Würde setzt Maßstäbe für einen guten Umgang. So verbietet es die Menschenwürde, dass man Menschen im Meer ertrinken lässt, dass man sie foltert oder ausbeutet bis aufs Blut.

Die Verknüpfung von Selbstzweck und Würde geht zurück auf die Menschenwürde bei Immanuel Kant. Für Kant ist jeder Mensch ein Zweck an sich, und deshalb darf man Menschen niemals bloß als Mittel gebrauchen. Im Kategorischen Imperativ heißt das so:

"Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."

Bei Tieren, jedenfalls bei den so genannten Nutztieren, wird das traditionell anders gesehen: Sie gelten allein als Mittel und nicht als Selbstzweck. Würde wird ihnen nicht zuerkannt. Und ohne Selbstzweck und ohne Würde haben sie keinerlei selbstbezogene Ansprüche. So kann ein jeder Mensch mit ihnen verfahren, wie es für seine eigenen Interessen gut ist. Pech für die Tiere!

Gut für die Tiere ist, dass die neuere christliche Tierethik sich querstellt zu der traditionellen Sichtweise. Sie gesteht Tieren sehr wohl eine Würde zu. (Vergleiche Kurt Remele, Die Würde des Tieres ist unantastbar). Wie auch nicht? Schließlich sind Tiere ebenso wie wir Geschöpfe aus der Hand des Schöpfers, und dieser Schöpfer hat sie für gut befunden. In diesem Sinne hat der Brixener Theologe Pater Martin M. Lintner den Kantschen Imperativ weitergeführt. Bei ihm heißt es:

"Handle so, dass du die Tiere nie bloß als Mittel zur Befriedigung eigener Interessen brauchst, sondern auch ihren artspezifischen und individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten gerecht wirst."

Würde dieser Imperativ umgesetzt, dann hätten auch die von uns besuchten 300 Bullen ein besseres Leben.

Das Tierethikbuch von Pater Martin M. Lintner trägt den Titel Der Mensch und das liebe Vieh: Ethische Fragen im Umgang mit Tieren (Innsbruck: Tyrolia, 2017).



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